Entstehung der Partnerschaft

Wie kam es überhaupt zu diesen Begegnungen mit der Stadt Bolbec in der Normandie?

Nachdem im Jahre 1963 Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichnet hatten, wurden in beiden Ländern erste Begegnungen zwischen den Städten und Gemeinden angeknüpft. In vielen Fällen gehörte es einfach zum guten Ton, sich mit einer Partnerschaft schmücken zu können, die Bevölkerung nahm an diesen Treffen kaum teil, die Begegnungen fanden auf kommunaler Ebene statt.

In unserem Fall sah alles ganz anders aus, eine Familie war der Ursprung für die Begegnungen zwischen Bolbec und Wittlage. Gregor Popp aus Wittlage hat eine Schwester, die in Bolbec verheiratet ist. Deren Sohn verbrachte häufig die Ferien in Deutschland und dann kam die Idee, eine deutsche Gruppe nach Frankreich einzuladen. Kontakte wurden geknüpft, der erste Besuch einer deutschen Gruppe fand 1965 statt: Gregor Popp, Hanns-Eberhard Dreinhöfer und Friedrich Davidsmeyer fuhren auf Einladung der Familie Blondel nach Frankreich, um die Lage zu besprechen. Man einigte sich, im Jahre 1966 ein Zeltlager des Jugendrotkreuzes in Bolbec zu organisieren.

22 Personen verlebten im August 1966 erlebnisreiche, unvergessliche Tage in Frankreich. Der damalige Bürgermeister Sahut besuchte die Gruppe im Zeltlager und empfing sie später im Rathaus, die ersten offiziellen Kontakte zur französischen Stadtverwaltung waren geknüpft. Die deutsche Gruppe war so überwältigt von der Gastfreundschaft, dass sie kurzerhand eine französische Gruppe zum Gegenbesuch nach Deutschland einlud. Drei Tage nach der Rückkehr des Jugendrotkreuzes trafen die ersten Bolbecer in Wittlage ein.

Die Unterbringung erfolgte in Familien, ein Grundsatz, der bis heute gültig hat.

Ein offizieller Empfang durch Bürgermeister Düffelmeyer, der sich sofort für die Idee begeisterte, gehörte mit zum Programm.

Hanns-Eberhard Dreinhöfer in seiner Eigenschaft als DRK-Kreisgeschäftsführer und Kreisjugendpfleger hatte die Fahrt und auch die Jungen und Mädchen auf das vorbereitet, was sie erwarten würde. In einem Bericht von Rita Wehr im Wittlager Kreisblatt über diese Fahrt heißt es: „Es konnte keiner ahnen, wie herzlich das Einvernehmen Bolbec – Wittlage sein würde: Hier stehen sich junge Menschen verschiedener Nationalität gegenüber, die zwei grundverschiedene Sprachen sprechen. Junge Menschen, deren Väter und Großväter noch erbitterte Feinde waren und sich in furchtbaren Kriegen bekämpften. Junge Menschen aber letztlich, die von der Sprache des Herzens zueinander geführt werden und so einander verstehen, ohne es in Worte kleiden zu müssen. Rechtfertigt dieser ungeahnte Erfolg nicht alle Mühen und Kosten, die um diese Fahrt aufgewendet wurden? Abertausende reisen in jedem Jahr mit erheblichem finanziellem Aufwand in das Ausland, um „das Land kennenzulernen“. Gehen sie dabei aber nicht meist an dem schönsten Erlebnis vorbei, auch den Menschen kennenzulernen?“

Es kann gesagt werden: „Bolbec schlug eine Brücke der Freundschaft!“ An dieser Fahrt nahmen u. a. Grete Pannenborg, Rita Wehr, Harald Pingel teil.

Aus diesen ersten Begegnungen wurden viele Aktivitäten, eine richtige Begeisterung unter den Jugendlichen führte zu immer neuen Kontakten. Die ersten offiziellen Kontakte auf kommunaler Ebene wurden angeknüpft.

Im März 1967 starteten Hanns-Eberhard Dreinhöfer und Fritz Düffelmeyer zu einem ersten Besuch beim französischen Bürgermeister. Es wurden Kunstausstellungen organisiert, das Collegium Musicum unter Harry Jahns gab Konzerte in Frankreich. Vor allem aber wurden die Kreisrealschule in Bad Essen und das C.E.S. in Bolbec die ersten offiziellen Träger von Austauschen. Bei einer dieser Fahrten nach Bolbec wurde auch die Feuerwehr besucht. Der Wunsch, an diesen Begegnungen teilzunehmen, wurde Ende 1968 von Capitaine Henry Gautier vorgetragen. Eine spontane Einladung erfolgte zum 35. Kreisfeuerwehrtag in Venne im Jahre 1969. Dies war die Geburtsstunde einer engen Zusammenarbeit und Freundschaft der Feuerwehr aus Bolbec mit den Feuerwehren im Wittlager Land. Bis zum heutigen Tage besuchen sich die Feuerwehrkameraden mit ihren Familien jährlich. Jeweils im September finden die Zusammenkünfte einmal in Bolbec und im drauffolgenden Jahr im Wittlager Land mit einem umfangreichen Programm statt.

Die Entstehung der kommunalen Partnerschaft:

Nachdem die ersten Kontakte über das DRK mit der Stadtverwaltung in Bolbec hergestellt wurden, entwickelte sich der Gedanke einer Partnerschaft mit einer Eigendynamik, die dann am 5. Oktober 1969 in Bolbec und am 3. Mai 1970 in Wittlage durch die Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunden vollzogen wurde. Im Vorfeld der offiziellen Partnerschaft kam es im Arbeitsausschuss allerdings auch zu längeren Erörterungen über die politische Situation. Es gab zunächst große Bedenken, mit einer kommunistisch geführten Stadtverwaltung eine Partnerschaft einzugehen. Allerdings kam es weder in der Anfangszeit noch in den Folgejahren zu Unstimmigkeiten in den politischen Führungsgremien.

Auf Einladung der Stadt Bolbec starteten rund 160 Männer und Frauen zur Fahrt nach Frankreich, die in der Anfangszeit teilweise abenteuerliche Formen hatte. Die Entfernung von rund 800 km wurde an 2 Tagen bewältigt mit einer Zwischenstation in Dinant in einem rustikalen Hotel, in dem selbst die Betten schon museumsreif waren.

Fahrtroute: Köln, Aachen, Lüttich, Amiens. Fahrt durch viele kleine Städte und Dörfer, da es noch keine Umgehungsstraßen gab. Heute führt die Fahrt fast immer über Holland (Hengelo, Apeldoorn, Amersfort, Utrecht, Breda), Belgien (Antwerpen, Gent) nach Frankreich (Lille, Arras, Abbeville, Yerville). Fahrtdauer rund 10 Stunden mit Pausen!

Überwältigend war der Empfang in Bolbec und das vielseitige Programm an diesem Wochenende. Am Donnerstagabend wurde die offizielle Gruppe im Rathaus von Bürgermeister Sahut empfangen. „Ich bin sehr froh“, sagte Monsieur Sahut, „dass nach den vielen Jahren des Jugendaustausches nun endlich auch der offizielle Kontakt vollzogen wird.“ Und Landrat Dr. Maßmann antwortete, er glaube sicher, dass nach den Tagen des Aufenthaltes in Bolbec sich sicherlich eine tiefe Freundschaft gebildet haben würde. Und so kam es auch. Es wurde am Montagvormittag wirklich von Freunden Abschied genommen. Im ehrwürdigen Rathaus von Bolbec wurde die Partnerschaftsurkunde von den Repräsentanten des Landkreises Wittlage, Landrat Dr. Maßmann und Oberkreisdirektor Nernheim, sowie dem Bürgermeister der Stadt Bolbec, Monsieur Sahut, unterzeichnet. Dies war ein historischer Augenblick.

Der Text der Urkunde lautet:

„Der Stadtrat von Bolbec und der Kreistag des Landkreises Wittlage haben einmütig ihren Entschluss und Willen bekundet, zwischen der normannischen Stadt Bolbec und dem niedersächsischen Landkreis Wittlage die Partnerschaft zu vollziehen. In einem Zeitabschnitt der Geschichte, da die Völker Europas zusammenfinden wollen, soll auch diese Partnerschaft dazu beitragen, dass sich die Menschen besser kennen und verstehen lernen, dass sie die menschliche Würde achten, um so den Frieden in der Welt mitzugestalten.

Möge die Jugend beider Länder vollenden, was mit diesem ersten Schritt begangen wurde, um die Partnerschaft einst zur lebendigen Freundschaft zwischen beiden Völkern werden zu lassen. Der Bürgermeister von Bolbec und der Landrat des Landkreises Wittlage haben heute im ehrwürdigen Rathaus von Bolbec die Partnerschaftsurkunde unterzeichnet. Bolbec, den 5. Oktober 1969“. Der 2. Teil der Partnerschaft wurde dann am 3. Mai 1970 durch die Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde in der Burg Wittlage vollzogen.

212 Bolbècais waren Gast im Wittlager Land.

In den folgenden Jahren fand ein reger Austausch zwischen den Kommunen statt. Vertreter des Landkreises Wittlage und nach der Gebietsreform des Landkreises Osnabrück und der Gemeinden Bad Essen, Bohmte und Ostercappeln besuchten sich im jährlichen Wechsel. Nicht nur auf der Kommunalebene wurde die Freundschaft gepflegt, auch die Vereine fanden zueinander. So beteiligten sich am Austausch die Fußballer des TSV Venne, die Handballer des TV 01 Bohmte, Schwimmer aus Bad Essen und Bohmte, Tischtennisspieler aus dem Wittlager Land und die Läufer, die nun schon seit Jahren am jährlichen Semi-Marathon in Bolbec teilnehmen. Die Feuerwehr wurde bereits erwähnt. Sie war und ist eine Säule des Austausches. Der Schulaustausch, der zunächst von der Kreisrealschule in Bad Essen organisiert wurde, ist in den letzten Jahren im Wesentlichen von den Realschulen in Bohmte und Ostercappeln durchgeführt worden.

Der Wechsel in den Kommunalparlamenten machte sich auch in Bolbec bemerkbar. Neben kommunistischen Führungsspitzen hatten es die hiesigen Kommunalvertreter auch mit Sozialisten zu tun. Darunter hat die Partnerschaft aber nicht gelitten. Zu Beginn der Partnerschaft war M. Sahut Bürgermeister in Bolbec, ihm folgte M. Gancel, danach M. Belache und M. Havard. M. Pierre Roussel wurde dann wieder von Bürgermeister Michel Havard abgelöst.

Gründung des Vereins „Partnerschaft Bolbec–Wittlage e.V.“

Organisiert wurden die offiziellen Begegnungen und auch die Fahrten und Besuche der Vereine und Gruppen durch den „Arbeitsausschuss Bolbec – Wittlage“. Am 24. Mai 1972 wurde dann im Hotel Reckum in Bad Essen der Verein „Partnerschaft Bolbec–Wittlage“ aus der Taufe gehoben.

Vorsitzender: Oberkreisdirektor Willy Ernst Nernheim
stv. Vorsitzender: Landrat Dr. Hans Maßmann
stv. Vorsitzender: Bürgermeister Fritz Düffelmeyer
Schatzmeister: Kreisbrandmeister Gerhard Greger
Schriftführer: Kreisoberinspektor Dieter Spanger

Die Eintragung in das Vereinsregister beim Amtsgericht Bad Essen erfolgte am 4. Juli 1972. Zu den Gründungsmitgliedern in der konstituierenden Sitzung gehörten:

Willy Nernheim
Hanns Eberhard Dreinhöfer
Grete Pannenborg
Karl Heinz Bührmann
Gregor Popp
Friedrich Davidsmeyer
Fritz Düffelmeyer
Ernst Maßmann
Dieter Spanger
Klaus Weißenborn
Helmut Kohring
Jutta Lange
Heinz Maßmann
Gerhard Greger
Heinrich Balshüsemann